Reisetagebuch 5.Teil 2010/11
Viele Jahre lang war ich ein freiwilliger Helfer im Waisenhaus von Pattaya. Nun bin ich einer der Sponsoren und noch immer geht es mir wie damals: ich möchte nicht dabei sein, wenn ein Kind das Waisenhaus verlässt, weil es adoptiert wurde. Ich möchte das etwas genauer erklären, da mich bereits viele gefragt haben, wie ich mich fühle, wenn ein Waisenkind tatsächlich Eltern und ein wirkliches Zuhause findet. Das vorrangige Gefühl ist Freude, denn das Leben in einem Waisenhaus ist ein bisschen wie in einer Militärschule - nicht einfach und von vielen Regeln geprägt.
Der Weckruf am Morgen gilt für alle gleich, genauso ist es mit den Essens- und Duschzeiten. Doch das Schlimmste, womit man dort fertig werden muss, ist das Fehlen von ‚exklusiverer’ Liebe und Zuneigung. Die Kinderfrauen im Waisenhaus sind sehr gut und fürsorglich, eben so unsere VolontärInnen - aber die Wärme, die von einer Mutter und einem Vater kommt, ist etwas völlig anderes. Deshalb freue ich mich aufrichtig für jedes Kind, dass eine Familie findet – und dennoch bin ich gleichzeitig tieftraurig, dass das Kind, das ich aufwachsen sah, für das ich von Herzen gesorgt habe, gehen wird – und ich es vielleicht nie mehr wieder sehen werde. Dieser Moment des Abschieds ist für mich, und für alle Beteiligten, der härteste. Ich möchte nie dabei sein und versuche dann nicht anwesend zu sein – vor allem, wenn das Kind zwei Jahre oder älter ist. Ich kann mich an jeden Moment erinnern, als wäre er präsent, wenn sich ein Kind mit Tränen in den Augen von mir verabschiedet hat. Das zerreisst mir das Herz. Es ist nicht einfach, diese Gefühle exakt zu beschreiben. Es gibt einige seltene Ereignisse, wenn die Adoptivfamilien mit den Kinden zurück ins Waisenhaus kommen, um ihnen zu zeigen, woher sie kommen bzw. wo sie aufgewachsen sind. Zu diesem Zeitpunkt, sind die ehemaligen Waisenkinder meist schon Teenager oder älter, und sie haben ihre Muttersprache abgelegt und nicht selten komplett vergessen und sich äusserlich völlig verändert- und in 99% der Fälle ist auch ihr Name nicht mehr derselbe.
Gestern war ich im Waisenhaus bei den Kleinen, den 3-12 Monate alten Kindern. Als ich meinen Beutel ablegte (ja, das kommt manchmal vor) sprang ein Mädchen auf mich zu und fragte mich, mit perfektem britischen Akzent, was ich hier mache. Zuerst konnte ich mich nicht an sie erinnerten, doch dann erinnerten mich ihre Augen und ihre Art zu Blicken an ein Mädchen, das mich ein paar Jahre zuvor immer beim Fangenspiel herumgejagt hat. Ihr Name war Dumjay. Sie wurde damals dann von einer Familie in Hongkong adoptiert. Als wär die Zeit stehen geblieben, spielten wir gestern wieder Fangen. Ihr Vater hatte nun geschäftlich ein paar Tage in Thailand zu tun und sie entschied sich dazu ihn zu begleiten und das Waisenhaus zu besuchen. Ich war zu berührt von der
Begegnung – ich vergass ganz darauf, sie nach ihrem neuen Namen zu fragen. Die grösste Erschütterung für mich war, als eine der älteren Nonnen dazu kam und Dumjay fragte, ob sie sich an sie erinnern könne. Dumjay wurde schüchtern und verschämt. In ihrem perfekten Englisch gab sie dann zu, dass sie sich nicht mehr an ihren Namen erinnern kann. Die Nonne wandte sich an mich und sagte: ‚Sogar an ihre eigene Sprache kann sie sich nicht mehr erinnern.’ Doch nun drehte sich das kleine Mädchen um und sagte zu der Nonne: ‚Ich kann mich an Ihren Namen wirklich nicht erinnern, aber ich kann mich an ihn erinnern. Das ist Khun Gio.’ Ich bekam Herzklopfen vor Rührung und noch immer habe ich Tränen in den Augen, wenn ich an die Verabschiedung denke, als sie mich umarmte und mir sagte, dass sie mich nie vergessen würde.
In der Zwischenzeit hat uns unsere Voluntärin Giorgia Abitani verlassen, um Thailand zu bereisen. Bevor sie nach Chiang Mai aufbrach, sagte sie, dass sie all diese Kleinen nie vergessen wird. Sie war für drei Wochen im Waisenhaus und arbeitete sehr gut mit den Kindern hier und in den Slums. Sie brachte ihnen immer viel Liebe mit, ein herzliches Lächeln – und tonnenweise Süssigkeiten! -Aua! Wir werden uns mit ernsthaften Zahnprobleme in den Slums auseinander setzen müssen... Uhn’s Mutter geht es leider schlechter. Sie ist sehr oft krank, was ein trauriges Zeichen dafür ist, dass ihr HIV nicht unter Kontrolle ist. Ich bange um ihr Leben.
Dann haben wir Probleme mit den Aluminium-Abdeckungen der Hütten, denn sie sind voller Löcher und es regnet durch. Ich werde zehn Stück neue Abdeckungen kaufen und auf die Hilfe und Unterstützung von jemandem hoffen.
Ja, und unsere kambodschanischen Kinder auf Koh Chang: der Pick up, der normalerweise als Schulbus verwendet wird, war in einen schrecklichen Unfall verwickelt. Zum Glück ist den Kindern nichts passiert, aber der Pick up hat einiges abbekommen und es muss viel repariert werden, bevor er wieder läuft. Doch das Wichtigste ist, dass die Kinder alle heil davon gekommen sind... apropos: wir haben zwei neue Kinder dabei...es sind nun also 38... ich werde sie in unserem nächsten Journal vorstellen. Bis dann!!! Ciaoooooo!
Tck






